Sozial nicht anerkannte Trauer (Disenfranchised Grief)
- Daniela Irma Ivo
- 24. Jan.
- 2 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 24. Jan.
Trauer nach traumatischen Geburten und unerfülltem weiteren Kinderwunsch:
Trauer ist ein grundlegendes menschliches Gefühl, so alt wie die Menschheit selbst, doch nicht jede Form von Verlust wird von der Gesellschaft gleichermaßen anerkannt.
Disenfranchised grief, auf Deutsch sozial nicht anerkannte Trauer, beschreibt genau jene Trauererfahrungen, die von außen oft nicht als legitim wahrgenommen werden.
Menschen, die unter solchen Verlusten leiden, erleben nicht nur den eigenen Schmerz, sondern auch die fehlende gesellschaftliche Anerkennung – ein doppeltes Leid, das die Verarbeitung erheblich erschwert.
Trauer nach traumatisch erlebten Geburten
Eine besonders sensible Form von sozial nicht anerkannter Trauer ist die Trauer nach traumatisch erlebten Geburten. Viele Frauen haben vor der Geburt eine klare Vorstellung von der „perfekten“, natürlichen und emotional erfüllenden Geburt – die sogenannte Bilderbuch-Geburt.
Wenn diese Vorstellung durch Komplikationen, medizinische Notfälle oder operative Eingriffe wie einen Notkaiserschnitt durchkreuzt wird, entsteht nicht nur Angst um das Baby und sich selbst, sondern auch ein Verlust der erhofften Geburtserfahrung selbst.
Insbesondere bei einem Notkaiserschnitt, bei dem die Frau möglicherweise unter Vollnarkose oder stark sediert war, kann die Geburt nicht bewusst miterlebt werden. Das Fehlen dieses bewussten Erlebens verstärkt häufig den Schmerz.
Viele Frauen trauern nicht nur um den körperlichen und emotionalen Stress, sondern auch um das verpasste Erlebnis, das sie sich für den Beginn des Lebens ihres Kindes erhofft hatten.
Schuldgefühle, Scham, Traurigkeit und eine innere Leere sind typische Folgen.
Gesellschaftlich wird diese Art von Trauer oft kaum wahrgenommen. Während Freunde und Familie sich auf das gesunde Baby konzentrieren, bleibt der Verlust der erhofften Geburtserfahrung unsichtbar. Frauen fühlen sich in dieser Situation häufig unverstanden, isoliert oder sogar „falsch“ in ihrem Schmerz.
Trauer um ein weiteres Kind – unerfüllter Kinderwunsch
Ein weiterer Bereich sozial nicht anerkannter Trauer betrifft Paare, die aus medizinischen oder schicksalhaften Gründen kein weiteres Kind bekommen können oder sollen.
Trotz des bereits vorhandenen Kindes bleibt die Trauer um das nicht geborene Geschwisterkind bestehen. Gesellschaftlich wird hier oft angenommen, dass der Schmerz weniger relevant sei, weil „man ja schon ein Kind hat“. "Man soll dankbar sein" für das was man schon hat.
Für die Betroffenen ist diese Trauer jedoch real und tiefgreifend. Sie umfasst nicht nur die Sehnsucht nach einem weiteren Kind, sondern auch den Verlust der erhofften Familienplanung und der damit verbundenen Zukunftsvorstellungen.
Man trauert z.B. auch oft wegen einer nicht vorhandenen Möglichkeit selbst frei entscheiden zu können. Man sitzt gefühlt nicht am Steuer der eigenen Lebensplanung.
Was kann helfen?
Menschen, die unter disenfranchised grief leiden, profitieren besonders von einem empathischen Umfeld und professioneller Unterstützung.
Psychologische Beratung bietet einen geschützten Rahmen, in dem die Gefühle ernst genommen, sortiert und reflektiert werden können. Hier können Betroffene ihre Trauer annehmen, Schuld- und Schamgefühle bearbeiten und konstruktive Wege finden, mit der Erfahrung zu leben.
Auch Paartherapie oder unterstützende Selbsthilfegruppen können hilfreich sein, um Einsamkeit zu reduzieren und Verständnis für den Schmerz zu erhalten.
Es ist wichtig zu betonen: Jede Form von Trauer ist legitim. Der Verlust einer Bilderbuch-Geburt, die traumatische Erfahrung einer Notkaiserschnittgeburt oder die Trauer um ein nicht mögliches weiteres Kind sind reale, tiefgreifende Verluste, die Anerkennung verdienen.


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