Psychische Krisen bewältigen - wie psychologische Beratung helfen kann
- Daniela Irma Ivo

- vor 23 Stunden
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 12 Stunden
Die Begleitung von Menschen in psychischen Krisen stellt einen besonderen Schwerpunkt meiner Praxis in Linz und in meinen Onlineberatungen dar:
Psychische Krisen gehören zum menschlichen Leben. Sie können plötzlich auftreten oder sich über Wochen und Monate entwickeln. Oft werden sie als Zeiten tiefgreifender Verunsicherung erlebt, in denen bisher bewährte Bewältigungsstrategien nicht mehr ausreichen.
Viele Betroffene beschreiben das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren, den Zugang zu ihren Ressourcen zu verlieren oder nicht mehr zu wissen, wie es weitergehen soll.
Gleichzeitig sind Krisen nicht nur Phasen des Leidens. Aus psychologischer Sicht können sie auch Wendepunkte sein, an denen Entwicklung, Neuorientierung und persönliches Wachstum möglich werden. Damit dies gelingt, benötigen Menschen jedoch häufig professionelle Unterstützung.
Mitten im Winter habe ich erfahren, dass es in mir einen unbesiegbaren Sommer gibt.“— Albert Camus
Was ist eine psychische Krise?
Der Begriff „Krise“ stammt vom griechischen Wort krisis und bedeutet Entscheidung oder Wendepunkt.
In der Psychologie bezeichnet eine psychische Krise einen zeitlich begrenzten Zustand emotionaler Überforderung, bei dem die vorhandenen Bewältigungsmechanismen einer Person nicht mehr ausreichen, um belastende Lebensereignisse oder innere Konflikte zu bewältigen.
Eine Krise ist keine psychische Erkrankung im eigentlichen Sinne. Sie kann jedoch das Risiko erhöhen, dass psychische Störungen entstehen oder sich verstärken.
Gleichzeitig kann eine Krise auch als normale Reaktion auf außergewöhnliche Belastungen verstanden werden.
Psychische Krisen betreffen Menschen jeden Alters und jeder Lebenssituation. Sie können nach belastenden Ereignissen auftreten, aber auch scheinbar „grundlos“ entstehen, wenn sich über längere Zeit Belastungen angesammelt haben.
Wie entsteht eine Krise?
Psychische Krisen entstehen meist dann, wenn ein Ungleichgewicht zwischen den Anforderungen einer Situation und den individuellen Bewältigungsmöglichkeiten entsteht.
Das subjektive Erleben spielt dabei eine entscheidende Rolle: Was für die eine Person gut bewältigbar ist, kann für eine andere eine massive Belastung darstellen.
Aus psychologischer Sicht wirken häufig mehrere Faktoren zusammen:
belastende Lebensereignisse wie Trennung, Verlust, Krankheit oder Arbeitslosigkeit
chronischer Stress und dauerhafte Überforderung
ungelöste innere Konflikte
kritische Entwicklungs- und Übergangsphasen im Leben
fehlende soziale Unterstützung
frühere belastende oder traumatische Erfahrungen
körperliche Erschöpfung und mangelnde Regeneration
Besonders bedeutsam ist, dass Krisen selten ausschließlich durch das auslösende Ereignis entstehen. Vielmehr treffen aktuelle Belastungen auf individuelle Erfahrungen, Beziehungsmuster, Persönlichkeitsmerkmale und vorhandene Ressourcen.
Welche Formen psychischer Krisen gibt es?
In der Fachliteratur werden verschiedene Krisenformen unterschieden:
Entwicklungskrisen entstehen im Rahmen natürlicher Lebensübergänge. Beispiele sind der Eintritt ins Berufsleben, die Geburt eines Kindes, das Verlassen des Elternhauses oder der Übergang in die Pension. Solche Veränderungen erfordern Anpassungsleistungen und können vorübergehend das psychische Gleichgewicht destabilisieren.
Verlust- und Trauerkrisen treten nach dem Tod nahestehender Menschen, nach Trennungen oder anderen schwerwiegenden Verlusten auf. Neben Trauer können auch Gefühle von Orientierungslosigkeit, Schuld oder Zukunftsangst entstehen.
Traumatische Krisen werden durch außergewöhnlich belastende Ereignisse ausgelöst, beispielsweise Unfälle, Gewalt, Naturkatastrophen oder plötzliche schwere Erkrankungen. Die psychische Verarbeitung solcher Erfahrungen stellt oft eine besondere Herausforderung dar.
Überlastungs- oder Erschöpfungskrisen entwickeln sich häufig schleichend. Anhaltender Stress, hohe Leistungsanforderungen und fehlende Erholungsphasen können dazu führen, dass die psychischen Ressourcen zunehmend erschöpft werden.
Existenzielle Krisen betreffen grundlegende Fragen nach Sinn, Identität und Lebensausrichtung. Sie treten häufig in Lebensphasen auf, in denen bisherige Werte, Ziele oder Rollen hinterfragt werden.
Welche Symptome können auftreten?
Psychische Krisen äußern sich sehr unterschiedlich. Häufig treten mehrere Symptome gleichzeitig auf:
starke innere Anspannung
Ängste und Sorgen
Grübeln und Gedankenkreisen
Hoffnungslosigkeit
emotionale Überforderung
Niedergeschlagenheit
Reizbarkeit oder Aggressivität
Konzentrations- und Entscheidungsprobleme
Schlafstörungen
Erschöpfung und Antriebslosigkeit
sozialer Rückzug
körperliche Beschwerden wie Herzrasen, Schwindel, Magen-Darm-Beschwerden oder Muskelverspannungen
Gefühle von Kontrollverlust
Je ausgeprägter die Symptome sind und je länger sie anhalten, desto wichtiger wird eine professionelle Unterstützung.
Warum ist es sinnvoll, psychologische Beratung in Anspruch zu nehmen?
Viele Menschen versuchen zunächst, eine Krise allein zu bewältigen. Das ist verständlich und oft auch erfolgreich. Manchmal reichen die eigenen Ressourcen jedoch nicht aus. In solchen Situationen kann psychologische Beratung eine wichtige Entlastung darstellen.
Eine professionelle Begleitung bietet einen geschützten Rahmen, in dem belastende Gedanken, Gefühle und Konflikte offen angesprochen werden können. Häufig erleben Betroffene bereits durch das Verstehen ihrer Situation eine erste Entlastung.
Psychologische Beratung unterstützt dabei, Orientierung zurückzugewinnen, Ressourcen zu aktivieren und neue Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln.
„Man kann einen Menschen nichts lehren. Man kann ihm nur helfen, es in sich selbst zu entdecken.“— Galileo Galilei
Psychologische Beratung bedeutet dabei nicht, Lösungen vorzugeben. Vielmehr werden gemeinsam individuelle Wege erarbeitet, die zur jeweiligen Lebenssituation und Persönlichkeit wirklich passen. Denn nur so werden sie dann auch im Alltag Schritt für Schritt umgesetzt.
Wie kann der systemische Ansatz hilfreich sein?
Der systemische Ansatz betrachtet Menschen nicht isoliert, sondern eingebettet in ihre sozialen Beziehungen und Lebenskontexte. Probleme werden daher nicht ausschließlich als Eigenschaft einer Person verstanden, sondern als Teil komplexer Wechselwirkungen innerhalb von Partnerschaften, Familien, Arbeitsumfeldern oder anderen sozialen Systemen.
In Krisensituationen kann diese Perspektive besonders hilfreich sein. Oft wird sichtbar, welche Beziehungsmuster Belastungen verstärken, welche Kommunikationsformen Konflikte aufrechterhalten oder welche Ressourcen im sozialen Umfeld bisher ungenutzt geblieben sind.
Systemische Beratung arbeitet ressourcenorientiert. Der Blick richtet sich nicht nur auf Schwierigkeiten, sondern auch auf Fähigkeiten, Stärken und bereits erfolgreiche Bewältigungsstrategien. Dadurch kann das Gefühl von Selbstwirksamkeit gestärkt werden – ein wichtiger Faktor in der Krisenbewältigung.
Wie kann der tiefenpsychologisch-psychodynamische Ansatz hilfreich sein?
Der tiefenpsychologisch-psychodynamische Ansatz geht davon aus, dass aktuelle Belastungen häufig mit unbewussten Konflikten, Beziehungserfahrungen und inneren Mustern verbunden sind, die ihre Wurzeln in früheren Lebensphasen haben können.
In einer Krise werden oftmals alte Verletzungen, Ängste oder ungelöste Konflikte aktiviert. Eine Trennung kann beispielsweise nicht nur den aktuellen Verlust betreffen, sondern auch frühere Erfahrungen von Verlassenwerden berühren. Dadurch können emotionale Reaktionen besonders intensiv werden.
Psychodynamische Beratung unterstützt dabei, diese Zusammenhänge zu verstehen. Durch die Reflexion von Gefühlen, Beziehungserfahrungen und inneren Konflikten entsteht häufig ein tieferes Verständnis der eigenen Reaktionsweisen. Dies ermöglicht langfristige Veränderungen und fördert die emotionale Selbstregulation.
„Wer nach außen schaut, träumt. Wer nach innen schaut, erwacht.“— Carl Gustav Jung
Die Verbindung meiner systemischen und psychodynamischen Perspektiven eröffnet dabei einen umfassenden Blick auf die Krise: Einerseits werden aktuelle Lebensumstände und Beziehungssysteme berücksichtigt, andererseits die individuellen inneren Prozesse und biografischen Erfahrungen.
Fazit
Psychische Krisen sind belastende, aber zugleich menschliche Erfahrungen. Sie entstehen, wenn innere und äußere Anforderungen die verfügbaren Bewältigungsmöglichkeiten vorübergehend übersteigen. Krisen können mit intensiven emotionalen, kognitiven und körperlichen Symptomen verbunden sein und das Gefühl vermitteln, den Überblick verloren zu haben.
Professionelle psychologische Beratung kann in solchen Situationen dabei unterstützen, Orientierung zurückzugewinnen, Belastungen besser zu verstehen und neue Wege der Bewältigung zu entwickeln. Insbesondere die Verbindung systemischer und tiefenpsychologisch-psychodynamischer Ansätze ermöglicht einen ganzheitlichen Blick auf die aktuelle Situation sowie auf die dahinterliegenden individuellen und zwischenmenschlichen Dynamiken.
Die Begleitung von Menschen in psychischen Krisen bildet einen besonderen Schwerpunkt meiner Praxis in Linz. Ziel der Beratung ist es, gemeinsam einen sicheren Raum für Verständnis, Stabilisierung und nachhaltige Veränderung zu schaffen, damit aus einer Krise wieder Entwicklung und neue Perspektiven entstehen können.
Fünf angeleitete Übungen zur Stabilisierung in Krisenzeiten
1. Die 5-4-3-2-1-Übung zur Orientierung im Hier und Jetzt
Wenn starke Anspannung oder Angst auftreten, richten Sie Ihre Aufmerksamkeit bewusst auf Ihre Umgebung.
Benennen Sie:
5 Dinge, die Sie sehen
4 Dinge, die Sie spüren
3 Dinge, die Sie hören
2 Dinge, die Sie riechen
1 Sache, die Sie schmecken
Diese Methode fördert die sogenannte Gegenwartsorientierung und kann helfen, Grübelprozesse zu unterbrechen.
2. Der Ressourcenanker
Denken Sie an eine Situation, in der Sie sich stark, sicher oder kompetent gefühlt haben. Erinnern Sie sich möglichst detailliert an diese Erfahrung. Was haben Sie gesehen, gehört und gespürt?
Legen Sie währenddessen Daumen und Zeigefinger fest zusammen. Wiederholen Sie diese Übung mehrmals. Mit der Zeit kann die Geste als „Anker“ dienen, um positive innere Zustände leichter abrufen zu können.
3. Der Perspektivenwechsel
Nehmen Sie ein Blatt Papier und beantworten Sie drei Fragen:
Wie sehe ich die Situation aktuell?
Wie würde ein guter Freund oder eine gute Freundin die Situation betrachten?
Wie werde ich vermutlich in einem Jahr auf diese Situation zurückblicken?
Diese Übung unterstützt kognitive Flexibilität und erweitert den Blickwinkel.
4. Die Atemfokussierung
Setzen Sie sich bequem hin und richten Sie Ihre Aufmerksamkeit ausschließlich auf Ihren Atem.
Atmen Sie vier Sekunden ein, halten Sie den Atem für zwei Sekunden an und atmen Sie sechs Sekunden aus. Wiederholen Sie dies für fünf Minuten.
Die verlängerte Ausatmung aktiviert beruhigende Anteile des autonomen Nervensystems und kann Stress reduzieren.
5. Das Krisentagebuch
Nehmen Sie sich täglich zehn Minuten Zeit und notieren Sie:
Was belastet mich aktuell?
Welche Gefühle nehme ich wahr?
Was hat heute trotz allem funktioniert?
Welche kleine Handlung könnte mir morgen guttun?
Das schriftliche Reflektieren fördert emotionale Verarbeitung und stärkt die Selbstwahrnehmung.
Literaturverzeichnis
Aichhorn, W., & Pfolz, W. (Hrsg.). (2020). Krisenintervention und Notfallpsychologie. Wien: Facultas.
Cullberg, J. (2011). Krisen und Entwicklungschancen. Stuttgart: Klett-Cotta.
Ermann, M. (2020). Psychodynamische Psychotherapie. Stuttgart: Kohlhammer.
Filipp, S.-H., & Aymanns, P. (2018). Kritische Lebensereignisse und Lebenskrisen. Stuttgart: Kohlhammer.
Grawe, K. (2004). Psychologische Therapie. Göttingen: Hogrefe.
Kriz, J. (2017). Systemtheorie für Psychotherapeuten, Psychologen und Mediziner. Wien: Facultas.
Reddemann, L. (2017). Psychodynamisch Imaginative Traumatherapie. Stuttgart: Klett-Cotta.
Schlippe, A. von, & Schweitzer, J. (2022). Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
Sonneck, G. (2016). Krisenintervention und Suizidverhütung. Wien: Facultas.




Kommentare